Entschuldige, ich habe dich nicht denken hören.
Entschuldige, ich habe dich nicht denken hören.
Meine Frau sagt das manchmal, wenn wir essen und meine Gedanken wieder schneller sind als der Moment, in dem ich gerade sitze. Bei uns ist das inzwischen fast ein Running Gag. Kein Vorwurf, eher ein leiser Stups zur Seite.
„Hey. Wo bist du gerade?“ „Wir sind hier.“
Und sie hat recht. Sie holt mich zurück. Aus dem Grübeln. Aus der inneren Beschleunigung. Aus der Distanz, die entsteht, wenn man zu lange im Kopf unterwegs ist.
Was mir erst viel später bewusst geworden ist: Ich erkenne inzwischen in manchen Momenten selbst, aus welcher enormen Entfernung sie mich immer wieder zurückholt.
Und dafür bin ich dankbar.
Einer dieser Momente entstand nicht einmal durch ein Gespräch, sondern durch eine ganz beiläufige Bewegung.
Unser Sohn hatte beim Tischdecken geholfen. Ich setzte mich, griff nach dem Besteck – und musste schmunzeln, als ich das Messer wieder in der linken Hand hielt.
Mir ging es als Kind selbst so. Es gibt gute Tipps, Eselsbrücken, kleine Merkhilfen. Messer endet mit R, Gabel mit L. Funktioniert.
Und trotzdem tauchte plötzlich eine Frage auf, die man normalerweise gar nicht stellt.
Warum liegt die Gabel eigentlich links und das Messer rechts?
Ich fand dazu unzählige Erklärungen und Deutungen. Schlussendlich war es die einfachste, die mich überzeugte.
Die Mehrheit der Menschen ist rechtshändig. Die rechte Hand galt über Jahrhunderte als die starke, dominante Hand. Man denke hier nur an die erzieherischen Maßnahmen in Schulen in nicht allzu ferner Vergangenheit.
Es war die Hand, mit der man arbeitete, kämpfte und schnitt. Das Messer gehörte in diese Hand, weil es Kontrolle erforderte. Die Gabel hatte eine haltende Funktion. Sie fixierte, was bearbeitet wurde. Dafür reichte die linke Hand.
Diese Ordnung ist älter als jede Tischkultur. Sie stammt nicht aus Etikette, sondern aus Alltag. Aus einer Zeit, in der das Messer kein Besteck war, sondern Werkzeug – und leider oft genug auch Waffe. Wer schnitt, brauchte Präzision. Wer hielt, brauchte Stabilität. So entstand eine funktionale Aufteilung, die sich bewährte.
Was sich bewährt, wird übernommen. Was übernommen wird, wird zur Gewohnheit. Und was lange genug Gewohnheit ist, wird nicht mehr hinterfragt.
Die ursprüngliche Funktion verschwindet, die Ordnung bleibt.
Europäische Messer werden heute beidseitig in einem Winkel von etwa 18–22 Grad geschliffen. Die Händigkeit spielt dabei keine Rolle mehr. Auch die Gabel funktioniert links wie rechts. Die ursprüngliche Notwendigkeit existiert nicht mehr. Und dennoch decken wir den Tisch weiterhin auf dieselbe Weise. Nicht, weil es nötig wäre. Sondern weil es sich so gehört.
Oder einfacher gesagt: Weil man das halt so macht.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Denn wenn es heute keine zwingende, funktionale Erklärung mehr gibt, dann handeln wir nicht aus Notwendigkeit. Wir handeln aus Überzeugung.
Nicht, weil wir es geprüft hätten. Sondern weil wir es übernommen haben.
Die Ordnung existiert weiter, obwohl ihr ursprünglicher Sinn verschwunden ist. Was bleibt, ist Vertrauen. Vertrauen darauf, dass diese Ordnung richtig ist, weil sie lange genug Bestand hatte.
Kurzer Zwischenschub: Ich möchte hier nicht spitzfindig werden. Es geht immer noch lediglich darum, dass es sich falsch angefühlt hat, das Besteck „falsch herum“ zu halten.
Solange es um Besteck geht, ist das harmlos. Niemand kommt zu Schaden, weil eine Gabel links liegt.
Aber das Muster endet nicht am Esstisch.
Funktionieren nicht viele Ordnungen genau so, die unser Denken prägen? Eine praktische Entscheidung wird zur Regel. Die Regel zur Norm. Und die Norm irgendwann zu etwas, das nicht mehr erklärt werden muss.
Ab diesem Punkt wird nicht mehr begründet, sondern geglaubt. Geglaubt – und nicht mehr hinterfragt.
Naja. Das macht man halt so, oder?