Die Suche nach Ruhe

„Was macht dir Spaß, sodass du Ruhe findest?“

Das ist eine Frage, die mir so oft gestellt wurde, und ich muss gestehen, dass ich lange Zeit nicht einmal den Kern dieser Frage verstanden habe. Nicht, weil ich mich ihr verweigert hätte, sondern weil mir nicht klar war, was Ruhe überhaupt sein soll. Wenn ich mich umschaue und mir anschaue, wie Ruhe gesellschaftlich definiert wird, kommen bei mir mehr Fragen hoch als Antworten. So viel Unverständnis, dass mich diese Frage eher überfordert als klärt.

Was verschafft mir Ruhe? Gute Frage!… Nach viel Recherche, Ausprobieren von Techniken aus Ratgebern oder gängiger Praxis in geführtem Umfeld, blieb für mich dennoch vieles unklar. Denn immer, wenn ich versuche, diese Frage ehrlich zu beantworten, merke ich, dass ich sie gar nicht beantworten kann. Nicht ohne zuerst zu klären, was Ruhe für mich überhaupt bedeutet.

Das, was gesellschaftlich als Ruhe gilt, fühlt sich für mich nicht nach Ruhe an. Es fühlt sich eher nach abgestellt, betäubt, hör auf zu denken an. Eine Art Stilllegen. Nach Nicht-mehr-spüren-müssen.

Ruhe scheint etwas zu sein, das man sich verdient, wenn man funktioniert hat. Ein Zustand nach getaner Arbeit. Ein Gegenpol zur Anstrengung. Ein Belohnungsraum. Und genau da beginnt mein innerer Widerstand. Denn wenn ich ehrlich bin, waren die Momente, in denen ich äußerlich „zur Ruhe gekommen“ bin, für mich oft die unruhigsten. Still sitzen, nichts tun, ablenken, runterfahren.

Es kann gut sein, dass der Körper physisch weniger bewegt wurde, aber der Kopf wurde lauter, ungemütlicher. Und dann kommt sie, diese Leere. Nicht als Frieden, sondern als Druck. Als müsste etwas passieren, damit es wieder Sinn ergibt, hier zu sein. Wie kann Leben Stillstand sein?

Fragen über Fragen. Aber eben Fragen, die in mir nach einer Antwort gesucht haben.

Was passiert denn, wenn ich laufe? Was passiert denn, wenn ich schreibe? Was passiert denn, wenn ich baue, denke, verbinde, ordne?

Ich habe einmal folgenden Satz mit auf meinen Weg bekommen. Ich kann dir nicht mehr sagen, wer das zu mir gesagt hatte und ich möchte mich keinesfalls, als Psychologe oder Therapeut ausgeben. Denn das bin ich einfach nicht. Aber der Satz hat mich getragen und trägt weiter: Einen guten Psychologen erkennst du nicht an Wissen über Krankheit, Therapieformen und klaren Behandlungsplänen, sondern daran, dass er an den richtigen Stellen die richtigen Fragen stellt.

Und so landete ich vor den Fragen: Warum bleibt Ruhe denn leer? Was fehlt dir? Könnte man das anders machen? Gibt es eine Form dafür, die genau zu mir passt? Und langsam wurde etwas klar, das mir lange nicht zugänglich war. Ruhe ist für mich kein Zustand ohne Bewegung. Ruhe entsteht dort, wo Bewegung stimmig wird. Nicht, wenn alles aufhört, sondern wenn nichts mehr gegen mich arbeitet. Wenn Denken fließt, statt sich zu drehen. Wenn Anspannung Sinn bekommt, statt Widerstand zu sein.

Ich finde keine Ruhe im Stillstand. Ich finde sie in gerichteter Bewegung. Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Missverständnis. Dass wir Ruhe mit Stillstand verwechseln. Dass wir glauben, Reife zeige sich darin, nichts mehr zu wollen, nichts mehr zu bewegen, nichts mehr zu riskieren. Als wäre das Ziel erreicht, sobald es innerlich leiser wird. Doch je länger ich mich mit dieser Frage beschäftigt habe, desto klarer wurde mir: Dieses Verständnis von Ruhe ist kein Frieden. Es ist Rückzug. Es ist Abbruch von Bewegung.

Und genau an diesem Punkt beginnt das größere Problem. Als wäre das Leben ein Ziel. Als wäre Stillstand ein Zeichen von Reife. Aber das Leben ist kein Kurztrip. Es ist eine dauerhafte Reise. Ein ständiges Werden. Wie kann also das Ziel sein, stehen zu bleiben? Wer steht, verwelkt. Wer ruht, ohne innerlich zu leben, nennt Betäubung Frieden. Und genau das ist das Problem.

Viele verwechseln Ruhe mit Abstumpfung. Sie sagen: „Ich brauche Zeit für mich.“ Und verbringen sie vor Bildschirmen. Abend für Abend. Woche für Woche. Sie nennen es Entspannung. Doch in Wahrheit ist es Flucht. Flucht vor sich selbst. Vor der Frage, wozu sie eigentlich hier sind.

Wäre es nicht gesünder, sich der Bewegung hinzugeben, wenn sie sich ohnehin meldet, statt einen Kampf um Stille zu führen? Wäre es nicht befreiender, das entstehende Denken ins Schreiben zu überführen, anstatt es verzweifelt zum Schweigen zwingen zu wollen? Wäre es nicht ehrlicher, der inneren Unruhe zuzuhören, statt sie sofort als Problem zu behandeln? Und wäre es nicht konsequent, Ruhe nicht daran zu messen, wie still jemand wirkt, sondern daran, wie wenig inneren Widerstand er gegen sich selbst aufbringen muss?

Wenn das stimmt, wenn Bewegung kein Fehler ist, sondern ein Signal, dann liegt das Problem nicht in der Unruhe selbst. Dann liegt es in dem Versuch, sie permanent zu unterdrücken. Denn jedes Mal, wenn Bewegung entsteht und nicht gelebt werden darf, bindet sie Energie. Nicht, weil sie zu viel ist, sondern weil sie keinen Ausdruck findet. Gedanken, die nicht gedacht werden dürfen, verschwinden nicht. Sie stauen sich. Sie kreisen. Sie werden schwer. Und je mehr Kraft darauf verwendet wird, sie zu kontrollieren, desto weniger Kraft bleibt übrig, um tatsächlich zu leben.

Wenn das stimmt, dann ist Schreiben kein Ausweichen. Kein Überdenken. Kein Symptom. Dann ist Schreiben Verarbeitung. Ordnung. Bewegung in Form. Dann ist Denken nicht das Problem, sondern das Zurückhalten des Denkens. Und dann wäre Ruhe nicht das Ergebnis von Stilllegung, sondern von Durchgang. Nicht von Kontrolle, sondern von Abschluss.

Vielleicht entsteht Ruhe genau dort, wo etwas zu Ende gedacht, zu Ende geschrieben, zu Ende bewegt werden darf. Nicht, weil alles gelöst ist. Sondern weil nichts mehr festgehalten werden muss.

-cX