CX-Zwischen den Zeilen
Ich war gerade mitten im Schreiben, als mich ein Gedanke nicht mehr loslassen wollte.
Im Kern ging es um das, was ich eigentlich sagen wollte. Aber plötzlich aus einer anderen Perspektive.
Als ich vor einigen Jahren tief in meinen Depressionen steckte und mit dem Begriff Depression selbst kaum etwas anfangen konnte, habe ich angefangen, Wissen zu sammeln. Ich habe gelesen, gehört und Videos geschaut.
Da waren wirklich gute Inhalte dabei. Kluge Bücher. Durchdachte Konzepte.
Und trotzdem hat mir etwas gefehlt. Nicht Wissen. Sondern Zugang. Resonanz. Etwas, das sich nicht nur erklären, sondern auch leben ließ.
Damals dachte ich, das liege an mir. Heute glaube ich das nicht mehr.
Erst viel später wurde mir klar, dass dieses Gefühl kein persönliches Defizit war, sondern ein Hinweis.
Als ich jetzt wieder über gesellschaftliche Muster schrieb, über Sätze wie „Was auf den Teller kommt, wird aufgegessen“ oder „Kleider machen Leute“, ist mir diese Erfahrung wieder eingefallen.
Vielleicht scheitern viele gute Gedanken nicht an ihrem Inhalt. Sondern an dem kulturellen Raum, aus dem heraus sie gelesen werden.
Lass uns hier kurz anhalten.
„Das haben wir schon immer so gemacht“ klingt wie Erfahrung.
Aber könnte es sein, dass wir hier nicht lernen, sondern einfach weitergeben?
Um das greifbar zu machen, hilft manchmal ein Blick von außen.
Die Siesta ist ein einfaches Beispiel.
In südlichen Ländern entstand sie aus Hitze. Aus der nüchternen Erkenntnis, dass der Körper mittags anders funktioniert als morgens.
In vielen westlichen Gesellschaften gilt sie oft als Faulheit.
Nicht, weil sie ineffizient wäre. Sondern weil sie nicht zur eigenen Arbeitskultur passt.
Das Muster dahinter ist nicht ungewöhnlich. Es zeigt sich auch an ganz anderer Stelle.
Ähnlich verhält es sich mit Achtsamkeit.
In vielen asiatischen Kulturen ist sie Alltag. Ritual. Selbstverständlichkeit.
In vielen westlichen Gesellschaften wird sie erklärt, verkauft, begründet.
Nicht, weil sie neu wäre. Sondern weil der kulturelle Boden fehlt, auf dem sie selbstverständlich wachsen könnte.
Und dann gibt es Kulturen, die mit Unsicherheit ganz anders umgehen.
Die amerikanische Denkweise ist dafür ein gutes Beispiel. Nicht als Ideal. Nicht als Vorbild. Sondern als beobachtbarer Kontrast.
Was ich dort immer wieder gesehen habe – in Biografien, Arbeitsbüchern, Interviews, Projekten – ist eine andere Beziehung zu Ideen.
Ideen dürfen unfertig sein. Sie dürfen verworfen werden. Auch spät. Auch kurz vor dem Ziel.
Im Silicon Valley ist es nichts Ungewöhnliches, einen Monat vor dem Launch alles umzubauen. Oder ein Jahr Arbeit zu verwerfen, weil eine bessere Frage aufgetaucht ist.
Nicht aus Leichtsinn. Sondern weil man sich weniger an der Idee selbst festhält als an dem, was sie ermöglichen soll.
Auch das Reflektieren hat dort einen anderen Stellenwert. Nicht als Selbstoptimierung. Sondern als Teil von Fortschritt.
Ähnlich wie Achtsamkeit in asiatischen Kulturen nicht erklärt werden muss, sondern gelebt wird, ist Reflexion dort oft selbstverständlich eingebaut.
Nicht besser. Nicht schlechter. Aber anders.
An dieser Stelle schließt sich für mich der Kreis zu meiner eigenen Erfahrung von damals.
Viele Bücher haben mir nichts gesagt, nicht weil sie falsch waren, sondern weil sie Antworten gaben auf Fragen, die ich kulturell nie gelernt hatte zu stellen.
Gesellschaftliche Muster bestimmen nicht nur, wie wir handeln.
Sie bestimmen auch, was wir überhaupt sehen können.
Vielleicht geht es deshalb beim Thema Wohlbefinden nicht darum, neue Regeln zu finden.
Sondern zu erkennen, aus welchem kulturellen Raum heraus wir überhaupt fühlen, denken und lesen.
Manche Wahrheiten sind nicht zu leise. Wir haben nur nie gelernt, auf sie zu hören.
Du kannst das natürlich sehen, wie du möchtest.
Aber vielleicht lohnt es sich, einer Sache kurz innezuhalten:
Hast du jemals zu jemandem gesagt: „Das macht man nicht“? oder „Das macht man eben so“?
Wer ist eigentlich dieser „man“?