Der Eiertanz des Schreibens
Manchmal fühle ich mich, als bewegte ich mich auf rohen Eiern, ein unbeholfenes Abtasten, weil ich oft nicht weiß, wie viel Tiefe mein Gegenüber verträgt.
Achtung Trigger. „Oh! Habe ich einen vergessen?“ „Könnte man das falsch verstehen?“ „Könnte sich jemand angegriffen fühlen?“
Diese Fragen laufen unterschwellig in jedem Satz mit.
Und genau so komme ich mir gerade vor. Eben wie auf rohen Eiern. Ein Schritt nach vorn, kurz prüfen, die Perspektive wechseln, noch einmal schauen, ob der Boden sicher genug ist. Nicht, weil ich unsicher bin. Sondern weil Tiefe Wirkung hat. Und Wirkung nicht überall gleich aufgefangen wird.
Besonders beim Schreiben am ChaosCodexX. Da ist dieses ständige Abwägen. Wie direkt darf ich sein? Wie klar darf ich benennen, was ich sehe? Ab wann ist es Erkenntnis – und ab wann Zumutung? Ich taste mich vor, nicht, weil mir die Worte fehlen. Sondern weil mir noch das Gespür fehlt, wo genau diese Grenze verläuft.
Die Grenze zwischen Rücksicht und Selbstverleugnung. Zwischen Klarheit und Gleichgültigkeit. Zwischen dem, was ich sagen will, und dem, was beim anderen ankommt.
Vielleicht stehen deshalb manche Texte da, als wären sie auf rohen Eiern geschrieben. Nicht, weil sie weich sein sollen. Sondern weil ich noch keine saubere Antwort darauf habe, wem ich was wie direkt sagen kann.
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Das Paradoxon des Schaffens.
Das unfassbar Gemeine am ChaosCodexX ist, dass ich sehr genau weiß, warum ich dieses Problem habe. Er legt mir offen, wo die Schalter sind. Er stößt mich förmlich mit der Nase darauf. Und trotzdem bleibe ich stehen. Wie eingefroren.
Ich handle gegen jedes bessere Wissen.
Nicht, weil ich es verloren hätte. Sondern weil es plötzlich von etwas Stärkerem überholt wird.
Sobald man ein Ziel vor Augen hat, will man klettern. Man will den Gipfel. Jetzt. Was muss ich tun, dass … Dabei hat man doch gerade eben noch entschieden, alles wachsen zu lassen.
Man ist so überzeugt von seinem Vorhaben, dass sich etwas meldet, das sich wie Klarheit anfühlt, aber ich glaube, dass es eigentlich Sicherheit ist.
Sicherheit, dass es trägt. Sicherheit, dass man etwas erschaffen kann. Sicherheit, dass es Anklang findet.
Denn es kostet schließlich Mühe, oder?
Dabei wird man es nie sicher sagen können, ohne je einfach gegangen zu sein.
Der Kurs steht. Die Crew ist an Bord. Die Vorräte sind gefüllt. Die Segel sind neu. Das Schiff hat Crew, Vorräte, ein starkes Segel und vor allem einen Kurs.
Und trotzdem meldet sich dieses innere Gefühl immer wieder. Pass auf.
Ein dauerhaftes Pass auf. Leise. Unscheinbar. Und dennoch immer da.
Als es mir letztens wieder so ging, ist mir dieser Satz fast patzig herausgerutscht.
Auf was eigentlich? Auf mich? Auf dich? Auf was?
Wenn man tiefer gräbt, wird klar, dass es in diesen Momenten oft weniger darum geht, andere zu schützen. Als ich angefangen habe, tiefer zu graben, ist mir aufgefallen, dass es in diesen Momenten oft weniger darum geht, andere zu schützen – es geht vielmehr darum, mich selbst zu schützen.
Es soll schützen, was man gerade aufbaut. Die Bewegung. Den Raum.
Niemand soll gehen. Alle sollen bleiben.
Dabei weiß ich es eigentlich besser.
Nicht jedes Buch wird von jedem Zuspruch finden. Nicht jede Mahlzeit wird jedem schmecken. Nicht jeder Mensch wird als Handwerker oder Denker geboren.
Alles Tatsachen, die ich kenne. Und trotzdem fällt es schwer, genau das loszulassen.
Es widerspricht allem, was sich wahr anfühlt. Und doch nehme ich es wieder und wieder hin. Vermutlich, bis ich – wie mein Psychologe mir immer nahelegt – den „Realitätscheck“ gemacht habe. Also schlicht und einfach mal tun und schauen, ob es wirklich so kommt, wie man es befürchtet hatte.
Vielleicht ist das kein individuelles Problem, sondern ein bekanntes Muster. Eines von denen, die man längst durchschaut, nie hinterfragt und trotzdem weitergetragen hat.
So wie man aufisst, obwohl der Körper längst fertig ist. Nicht aus Hunger, sondern aus Anstand. So wie man etwas nicht sagt, obwohl es längst gesagt werden müsste, weil man gelernt hat, dass man behutsam mit Worten umgehen soll. So wie man sich zurücknimmt, nicht aus Respekt, sondern aus Angst vor Wirkung. So wie man Tiefe entschärft, damit sie niemanden irritiert, verunsichert oder aus dem Gleichgewicht bringt. So wie man Ordnung schützt, obwohl ihr ursprünglicher Sinn längst verschwunden ist.
Und vielleicht wird es hier unbequem. Nicht, weil ich falsch handle. Sondern weil ich merke, dass ich längst weiß, was zu tun ist.
Und trotzdem stehe ich da. Auf rohen Eiern. Einen Schritt vor dem Weitergehen.